Interview zum Weltschlangentag mit Dr. Markus Baur, dem Leiter der Reptilienauffangstation in München


Dr. Markus Baur ist Fachtierarzt für Reptilien und Leiter der Auffangstation für Reptilien, München. Anlässlich des Welt-Schlangentages 2018 sprach er mit uns über Schlangen und ihre Halter.


Halten Sie privat Schlangen?

Nein, ich halte privat Schildkröten und habe nur beruflich mit Schlangen zu tun.


Wie viele Tiere leben aktuell in der Reptilienauffangstation?

Im Moment haben wir in der Auffangstation etwa 1200 bis 1300 Tiere. Das sind vor allem Reptilien von der Eidechse über die Riesenschlange bis zum Alligator. Wir nehmen aber auch andere kleinere exotische Tiere wie Waschbären, Silberfüchse oder Affen auf, die wir zum Teil von Tierheimen übernehmen, mit denen wir kooperieren. Neben Schildkröten machen die Schlangen den größten Teil der Reptilien aus. Im Moment haben wir aber auch 8 Krokodile.


Was machen Sie mit den Krokodilen? Bleiben die dauerhaft in der Auffangstation?

Wir haben durchaus schon Krokodile an neue Halter vermittelt. Es ist nicht ganz leicht jemanden zu finden, der sachkundig ist, genügend Platz hat und sich die Haltung auch finanziell leisten kann. Aber bisher haben wir noch immer alle Krokodile an Zoos oder private Halter vermitteln können.


Woher kommen diese ganzen verschiedenen Tiere?

Das ist sehr unterschiedlich. Oft rufen uns Leute an, weil Sie ein Tier abgeben wollen. Manchmal werden sie von Amtsveterinären beschlagnahmt, weil die Haltung schlecht war oder keine Haltungsgenehmigung vorlag. In anderen Fällen geben Halter ihre Tiere ab, weil sie das Hobby aufgeben. Wildtiere wie Waschbären, werden von den Leuten als verwaiste Jungtiere gefunden und großgezogen. Aber irgendwann sind sie zu groß und verwüsten die Wohnung, dann müssen sie weg.


Wie viele Schlangen haben Sie in der Auffangstation zurzeit?

Das kann ich aus dem Kopf nicht genau sagen. Aber wir haben aktuell etwa 60 Abgottschlangen (Boa constrictor), 100 Kornnattern (Pantherophis guttatus), und etwa 50 Königspythons (Python regius). Bei diesen Tieren ist der Markt übersättigt und es finden sich keine Abnehmer für die gewöhnlich gefärbten Tiere. Es sind seltene Modefarben gefragt. Für Tigerpython, Königspython, Kornnattern und Boas mussten wir einen Aufnahmestopp verhängen, weil wir einfach keinen Platz mehr haben um die Tiere unterzubringen.


Wie kommt es, dass es so viele Schlangen gibt? Sind sie aus dem Ausland importiert oder sind es deutsche Nachzuchten?

Der größte Teil der Tiere sind deutsche Nachzuchten. Ich glaube nicht, dass heute noch von den gängigen Arten Tiere aus der Natur entnommen werden. Es gibt in Deutschland auch keinen Großhändler mehr, der der in nennenswerten Umfang mit giftigen oder importierten Schlangen handelt. Oft sind es Tiere von Hobbyhaltern, die es versäumt haben die Vermehrung zu unterbinden.


Was halten Sie dann von Reptilienbörsen wie der in Hamm, auf denen Schlangen verkauft werden?

Das muss man differenziert betrachten. Börsen bieten den Behörden Kontrollmöglichkeiten, während zum Beispiel bei dem Handel übers Internet oder Kleinanzeigen kaum eine Kontrolle von Züchter und Kunde möglich ist.

Dazu kommt, dass die Börse in Hamm deutlich besser ist, als ihr Ruf und sich in den letzten Jahren sehr zum Positiven entwickelt hat. Der Veranstalter hat strickte Regel aufgestellt und wer die nicht einhält fliegt raus. Auch die Amtsveterinärin vor Ort ist sehr engagiert.

Haben Sie in ihrer Auffangstation auch mit Giftschlangen zu tun?

Ja. Wir sind die einzige Reptilienauffangstation in Bayern, die Giftschlangen aufnimmt. Bundesweit gibt es nur zwei oder drei Weitere, die das tun.


Was für Giftschlangen werden bei Ihnen abgegeben?

Im Prinzip alles, was in den letzten Jahren auf dem Markt zu bekommen war. Hornvipern, Kap-Kobras, Puffottern, Klapperschlangen und Mokassinottern zum Beispiel. Viele dieser Tiere werden beschlagnahmt, weil den Haltern die notwendige Genehmigung fehlt. In Bayern und in 8 weiteren Bundesländern ist die Haltung von Gefahrentieren wie Giftschlangen genehmigungspflichtig und setzt einen Nachweis der Sachkunde voraus.


Begrüßen Sie solche Verbote?

Von Verboten halte ich grundsätzlich gar nichts. Eine flächendeckende Tierhalter-Sachkunde ist sinnvoller als Verbote. Es gibt durchaus Leute in Deutschland, die mit viel Herzblut und Sachverstand ihre Giftschlangen pflegen. Bei denen leben die Tiere sogar noch länger, als in den Zoos. Ich bin der Letzte der diesen Menschen ihr Hobby verbieten würde. Beim Umgang mit Gefahrentieren wie Giftschlangen ist Umsicht gefragt. Man muss die Tiere handhaben können und dazu ist es nötig in ihrem Verhalten zu lesen.


Sollten Halter von Giftschlangen immer ein Gegengift im Haus haben?

Nein. Das bringt nichts, weil sie in der Regel gar nicht in der Lage sind sich die Spitze selbst zu verabreichen. Sinnvoller ist es, den Hausarzt und eine Klinik in der Nähe zu informieren, dass man Giftschlangen hält und welche Arten das sind. Die Nummer eines Giftnotrufs, bei dem sich die Mitarbeiter mit Schlangenbissen auskennen, sollte auch griffbereit sein. Es macht auch Sinn sich bei einem Serum-Depot anzumelden. Das sind Vereine, die Antiseren gegen Schlangengifte für ihre Mitglieder bereithalten. Natürlich bekommt man von dort im Notfall auch das benötigtes Mittel, wenn man nicht Mitglied ist.


Ich habe gelesen, dass es einen Engpass bei der Beschaffung von Gegengiften gibt und das deswegen tausende von Menschen jedes Jahr in Entwicklungsländern an Schlangenbissen sterben. Ein Grund ist wohl, dass mehrere Pharmafirmen aus Kostengründen die teure Produktion eingestellt haben.

Es ist richtig, dass die Beschaffung von Antiseren weltweit immer schwieriger wird, weil zu wenig produziert wird. Auch in Europa sind die Gegengifte immer schwerer erhältlich. Die Herstellung und die Lagerung sind aufwändig und teuer und die Haltbarkeit des Serums ist auf 6 Monate begrenzt.

In den ländlichen Gebieten von Asien und Afrika kommt aber noch dazu, dass die medizinische Versorgung insgesamt sehr schlecht ist und darum schon schwierig ist z. B. die Beatmung eines Patienten sicher zu stellen. Außerdem werden gerade in dritte Welt Ländern oft minderwertige oder wirkungslose Medikamente verbreitet.


Wie kann man den Menschen die notwendige Sachkunde vermitteln?

Wir bieten in der Reptilienauffangstation Schulungen im Umgang mit Schlangen an. Davon machen wir etwa 10 im Jahr. Vor allem mit Bundewehrsoldaten, die in den Auslandseinsatz gehen, und mit Amtsveterinären, aber auch mit Mitarbeitern von Behörden oder Tierheimen, Zoos und mit Feuerwehrleuten und Polizisten. Aber wir können mit unseren Mitteln aber nur einen kleinen Bereich abdecken. Da muss ich an dieser Stelle die Tierhalterverbände loben, weil diese Gruppen sehr viel auf die Beine stellen. Informationsveranstaltungen vom VDA, der DGHT, allen voran die AG Schlangen, vermitteln vorbildlich Sachkunde zum Thema Schlangen. In speziellen Sachkundeschulungen erfahren die Tierhalter was wichtig ist und können bei den Verbänden auch Prüfungen ablegen.

Das Thema Exoten und vor allem Schlangen - und da natürlich auch die Angst vor Giftschlangen - führen in letzter Zeit immer wieder zu Hysterie. Immer wieder entpuppen sich vermeintliche, entwichene Giftschlangen als harmlose, einheimische Arten. Würden Sie den Menschen raten bei einer Begegnung mit einer Schlange zunächst einmal ruhig zu bleiben?

Ich persönlich würde uns Deutschen raten, insgesamt etwas entspannter zu werden. Viele Themen werden viel zu sehr aufgebauscht. Jedes Jahr wieder taucht im Sommerloch der Presse ein Monster auf, dass sich dann bald als Ringelnatter entpuppt.

Früher zu meiner Schulzeit, haben wir uns noch mit einheimischen Tieren beschäftigt und lernten im Sachunterricht etwas über unsere heimischen Schlangen. Heute kann ein Polizist oder Feuerwehrmann eine Ringelnatter nicht identifizieren. Von solchen Einsatzkräften und auch von Förstern würde ich grundsätzlich eine fundierte Sachkunde erwarten.

Ich bin der Meinung, dass wieder mehr Naturkunde im Unterricht an den Schulen gelehrt werden muss, damit insgesamt das Wissen und das Verständnis wieder steigt.


Vielen Dank für das Gespräch.