Quo vadis Meerwasseraquaristik – Interview mit Ulrich Plester

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Lieber Ulrich, magst Du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Ulrich Plester, dieses Jahr feiere ich mein achtzigstes Wiegenfest. Meerwasseraquaristik betreibe ich seit Mitte der Siebzigerjahre. In den Achtzigern stieß ich auf den VDA-Arbeitskreis Meerwasser. Anno 2002 hat sich dieser Arbeitskreis zu einem eingetragenen Verein umgebildet, der bis zum Herbst letzten Jahres existiert hat. Dort habe ich mich lange Jahre in verschiedenen Positionen für das Thema engagiert.

Du bist ein Meerwasseraquaristik-Urgestein, blickst auf viele Jahrzehnte im Hobby zurück. Was würdest Du den Kritikern der Meerwasseraquaristik entgegnen, die vor allem im Internet lautstark für ihre Sache trommeln?

Ich kenne viele Meerwasseraquarianer, die schon fast auf wissenschaftlichem Niveau Tierhaltung betreiben, sie machen Verhaltensforschung, züchten erfolgreich und nehmen ihr Hobby allgemein sehr ernst. Ich pflege viele Schützlinge in meinen Becken schon lange, einige Tiere leben bereits seit den 1980er-Jahren bei mir. Bei einem so konstanten Tierbestand kann ich doch nicht alles falsch machen… Zu bedenken ist auch: Wir Meerwasseraquarianer erhalten vergleichsweise einen winzigen Anteil der Biomasse im Meer, wenn man es mal in Bezug zu den Speisefischen und dem entsprechenden Beifang setzt.

Als Du in das Hobby eingestiegen bist, spielte das Internet noch keine Rolle. Wie hat das Internet die Diskussionskultur verändert?

In vielen Foren herrscht ein rauer Ton, auch unter Videos wird oft beleidigend, aus der sicheren Anonymität heraus, kommentiert. Ich finde im Verein den Umgang von Mensch zu Mensch viel angenehmer, es ist persönlicher. Das Diskutieren im Internet erzieht den Menschen nicht gerade zur Besonnenheit und Mäßigung, argumentiert wird oft im Stil der BILD-Zeitung. Personen wie Robert Marc Lehmann bedienen diese Un-Kultur, alles arbeitet auf Skandal, Gepolter und Sensation hin. Und handwerklich sauber ist es auch nicht, Lehmann etwa nennt in seinen Videos oft Zahlen, die nicht belastbar sind.

Die Energiekosten sind seit dem Krieg in der Ukraine stark gestiegen, wie verändert diese Krise die Meerwasseraquaristik?

Ich beobachte den Trend, dass viele Halter ihre Meerwasseraquarien auflösen. Ich übernehme ab und zu Tiere aus diesen Auflösungen, manchmal fühle ich mich fast wie eine kleine Auffangstation (lacht). Die Kosten sind sehr gestiegen, nicht nur bei der Energie, auch im Einkauf. Ein Hawaii-Doktorfisch etwa, der vor 5 bis 6 Jahren um die 35 Euro gekostet hat, schlägt heute mit bis zu 400 Euro zu Buche. Hintergrund: Dieses Tier lebt nur in und um Hawaii und die dortigen Behörden haben ein Ausfuhrverbot erwirkt. Generell sind Tiere fürs Meerwasseraquarium, die importiert werden, viel teurer geworden. Subjektiv denke ich, dass die Qualität der Tiere gleichzeitig besser geworden ist. Die Lieferketten sind kürzer und optimaler, der Stress für die Tiere ist gesunken. Wenn Tiere auf dem Weg sterben, ist dies fast immer auf Pannen zurückzuführen. Beispielsweise, wenn eine Frachtmaschine nicht in Frankfurt am Main wegen Schneechaos landen kann. Diese absoluten Ausnahmen werden von vielen Kritikern gerne hochgespielt, als würden sie die Normalität darstellen. Ich habe das bekannte Internationale Meerwassersymposium in Lünen mitorganisiert, ursprünglich fand es alle zwei Jahre statt. Ein Thema vieler Vorträge war schon damals die Nachhaltigkeit. Ein Ziel, dass wir intensiv diskutiert hatten, war die Zertifizierung der gesamten Lieferkette von Zierfischen.

Du wohnst im Ruhrgebiet, wie hat sich Händlerstruktur in Deinem Umfeld entwickelt?

Früher gab es überall, in fast jeder Stadt im Ruhrgebiet, kleine Läden, die Meerwasserfische verkauften. Heute sind die Händler viel weniger geworden. Ich vermute das liegt daran, dass auch wir Meerwasseraquarianer weniger geworden sind. Die verbliebenen Halter kaufen bei sehr großen Läden, wie Zajac, ein.

Hast Du jemals Tiere über das Internet gekauft?

Der Kauf von Tiere online ist für mich keine Option, ich will die Tiere gerne sehen, bevor ich kaufe.

Abschlussfrage, wie stellst Du dir die Zukunft der Meerwasseraquaristik vor?

Ich fürchte: Jugendliche und junge Menschen wird man in Zukunft kaum noch in Meerwasseraquaristik-Vereinen finden. Die Informationen werden nur noch aus dem Internet bezogen. Der Einstieg ins teure Hobby Meerwasseraquaristik erfolgt erst ab 40 oder 50 Lenzen. Der Rest steht in den Sternen…

Text: Nicolas von Lettow-Vorbeck

Foto: Ulrich Plester

Textautor:
Nicolas von Lettow-Vorbeck M.A. 
VDA-Referatsleiter Medien
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