Was verrät unser Umgang mit neu eingeführten Arten über unser Verständnis von „Natur“? Die Veränderung von natürlichen Lebensgemeinschaften (Biozönosen) durch eingeschleppte bzw. eingewanderte Tier- und Pflanzenarten (Neobiota) stellt ein ökologisches Problem dar, das immer stärker öffentlich wahrgenommen wird. Grund dafür sind insbesondere jene Arten unter den Neobiota, die sich zum Nachteil der bestehenden Artenvielfalt in starker Weise ausbreiten und Arten, Ökosysteme oder die menschliche Gesundheit und Wirtschaft erheblich schädigen.
Einige dieser Arten listet die Europäische Kommission auf ihrer Liste invasiver Arten, was u.a. mit Haltungsverboten verbunden ist. Auch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit gehört zum Programm gegen solche Arten. Das geschieht beispielsweise mit Informationskampagnen. Flugblätter richten sich dabei gezielt an jene Bevölkerungsgruppen, die in häufigen Kontakt mit fremden Arten kommen (Aquarianer, Terrarianer, Imker, Teichbesitzer, Gärtner), und geben Verhaltenshinweise, um die Ausbreitung fremder Arten zu verhindern.
Öffentliche Aufmerksamkeit erlangen eingeschleppte Arten aber auch dadurch, dass die Medien insbesondere am Schicksal eingeschleppter Tierarten, die Attribute des Exotischen an sich tragen, großen Anteil nehmen. Besonders extremen Beispielen begegnet man regelmäßig im medialen Sommerloch, wie beispielsweise der Suche nach Schnappschildkröten in einem Weiher.
Weniger gefährlich, dabei aber ebenso exotisch und in ihrer Ausbreitung wesentlich invasiver sind etwa die Halsbandsittiche entlang der Rheinschiene. Die Fachdebatte darüber, wie mit Neobiota vom ökologischen Standpunkt aus umzugehen ist, wurde 2011 durch einen programmatischen Aufsatz unter dem Titel „Don’t judge species on their origins“ angeheizt.[1] Die Verfasser unternahmen darin den Versuch, eine Dekonstruktion jener Gegenüberstellung von „einheimischen“ und „eingeschleppten“ Arten vorzunehmen und den Blick auf die tatsächlichen ökologischen Effekte der sich verändernden Artenvielfalt zu lenken.
Die Wahrnehmung der Neobiota in Öffentlichkeit und Verwaltung indes bleibt von dieser akademischen Diskussion unbeeindruckt. Analysiert man den Diskurs über „invasive“ Arten, so fällt neben dem militärischen und abwertenden Sprachduktus („Kampf gegen die Invasion“) vor allem auf, dass außer ökologischen Aspekten fasst immer auch ökonomische sowie Kostenerwägungen eine entscheidende Rolle in der Beurteilung spielen. Die Frage drängt sich auf, ob im Zuge der Neobiota-Debatte letztlich eine Ökonomisierung unserer Wahrnehmung von Artenvielfalt droht?
Um eine solche Verengung auf Kosten (und ggf. Nutzen) neobiotischer Arten zu vermeiden, lohnt eine kultur- und umweltgeschichtliche Perspektive auf unseren Umgang mit diesen Tieren und Pflanzen. Dabei geht es einerseits um eine Analyse unseres von Exotizismus und Anthropomorphismus geprägten Bildes der Fauna und Flora.
Zugleich geht es um die Analyse jener dominierenden Vorstellung von Biodiversität, derzufolge „die Natur” keine immerwährend fortdauernde Geschichte im Sinne eines Wandlungsverlaufes besitzt, also nicht prozesshaft ist, in ihrer aktuellen Gestalt nicht bloß eine Momentaufnahme darstellt, sondern in ihrem Status Quo als gegeben und gesetzt angenommen wird. Obwohl ein Blick in die Vergangenheit schnell zeigt, dass eine objektive Unterscheidung zwischen „fremden” und „heimischen” Arten historisch schwer möglich ist, dominiert die diffuse Annahme eines endgültigen und (bis auf manipulative Einwirkungen durch den Menschen) unveränderlichen Naturzustandes, den es zu bewahren gelte.
Barbara und Hans Otzen erzählen in ihrem 2024 erschienenen Buch „Die heimliche Invasion. Neubürger im Tier- und Pflanzenreich, die man kennen sollte“ zahlreiche Kurzgeschichten darüber, wie neu hinzugekommene Arten das zuvor bestehende ökologische Gleichgewicht verändert haben. Auf rund 230 Seiten finden sich unter den vorgestellten Arten über 100 große und kleine Tiere, Pflanzen, Moose und Pilze.

In seinem Buch „Invasive Arten“ behandelt Wolfgang Nentwig den Weg invasiver Arten nach Europa während der vergangenen 500 Jahre, ihre Auswirkungen auf die hiesige Natur – aber auch Maßnahmen zur Kontrolle der Bestandsentwicklung, zur Prävention des invasiven Potenzials und zur Bekämpfung nach einer Ausbreitung. Die UTB-Reihe ist primär als Lernhilfe gedacht, das Buch ist aber auch sehr spannend für die allgemein interessierte Leserschaft. Insbesondere ist hervorzuheben, dass auch positive Effekte invasiver Arten thematisiert werden.

Eine Rezension von Jens Crueger, ursprünglich für vda-aktuell geschrieben und dort erschienen.
[1] Davis, Mark A. et al.: Don’t judge species on their origins, in: Nature 474 (06/2011), 153–154.