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Citizen Science: Gottesanbeterin in Berlin und Brandenburg gesucht

Lesezeit: 4 Minuten

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Die Gottesanbeterin, von dem großen schwedischen Naturforscher Carl von Linné mit wissenschaftlichem Namen Mantis religiosa genannt, hat schon im klassischen Altertum die Menschen besonders fasziniert und zu fantasievollen Mythen angeregt. So kommt der Gattungsname „Mantis“ aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „Seher(in)“ oder „Prophet(in)“, man glaubte nämlich, dass die Gottesanbeterin verirrten Wanderern durch Ausstrecken eines ihrer Vorderbeine den richtigen Weg weisen könne. Diese Vorderbeine sind es auch, die dem Insekt seinen volkstümlichen Namen „Gottesanbeterin“ eingetragen haben: Es sind zu Fangorganen umgewandelte Fang- oder Raubbeine, die in Ruhestellung eng aneinanderliegend vor der Brust gehalten werden (Foto), wie die gefalteten, betenden Hände eines Menschen. Doch mit Frömmigkeit hat diese Haltung nichts zu tun, denn die Gottesanbeterin lebt ausschließlich räuberisch und lauert – durch ihre Färbung (grün oder braun) und Körperform gut getarnt – in der Vegetation auf andere Insekten, die sie blitzschnell mit ihren Fangbeinen ergreift, zu den Mundwerkzeugen führt und frisst.

Männermord der Kinder wegen

Im Spätsommer und Herbst, wenn die bis 75 mm langen und kräftigen Weibchen der Gottesanbeterin sich mit ihren nur 50 bis 60 mm langen und zierlichen Männchen paaren, kann es vorkommen, dass manche Männchen während der Paarung mit den Fangbeinen ergriffen und vom Kopf her teilweise gefressen werden. Die Begattung wird dadurch jedoch nicht unterbrochen, sondern sogar intensiviert, weil die Steuerung der männlichen Geschlechtsorgane durch einen Nervenknoten im Hinterleib erfolgt, während die nervliche Steuerung im Kopf für die Geschlechtsorgane des Männchens eher hemmend wirkt. Dieses eigenartige, auch von Spinnen bekannte Verhalten wird als Sexualkannibalismus bezeichnet und ist für die Reproduktion der Gottesanbeterin durchaus nützlich, indem das Männchen durch seinen geopferten Körper dem Weibchen wertvolle zusätzliche Nahrung für die Eiproduktion bietet.

Naturwunder Oothek

Einige Tage nach der Begattung legen die Weibchen in der Vegetation, an Holzteilen oder unter locker übereinanderliegenden Steinen (Gleisschotter) ihre bräunlichen Eipakete (Ootheken) ab, die 30 bis 40 mm lang sowie etwa 15 mm breit sind (Foto) und eine bauschaumartige Struktur haben. Im Innern liegen dicht an dicht 100 bis 200 Eier, die durch die äußere Schutzhülle gut isoliert sind und erst bei Temperaturen von unter minus 43 Grad zugrunde gehen, unsere Winter also unbeschadet überdauern. Die im Spätherbst noch lebenden erwachsenen Tiere gehen jedoch durch die ersten Fröste zugrunde, überleben also den Winter nicht. Im Frühjahr des Folgejahres schlüpfen dann aus den überwinterten Eiern die Larven (Jungtiere) der nächsten Gottesanbeterinnen-Generation und wachsen wie Heuschrecken durch mehrere Häutungen im Laufe des Sommers zu den erwachsenen Tieren heran, die man in der Natur im Zeitraum von Ende Juli bis Mitte Oktober findet.

So könnt Ihr Funde in Berlin und Brandenburg melden

Die Gottesanbeterin ist ein ausgesprochen wärmeliebendes Insekt und kam deshalb bis etwa 1990 nur im wärmebegünstigten Südwesten Deutschlands vor (z. B. Kaiserstuhl, Breisgau). Seit einigen Jahren ist sie jedoch in ständiger Ausbreitung nach Norden begriffen und kommt heute nicht nur in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Hessen vor, sondern auch in vielen Teilen Ostdeutschlands (Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin). Allein im Jahr 2022 wurden mehr als 300 Funde von Gottesanbeterinnen im Stadtgebiet von Berlin gemeldet. Die Fundmeldungen nimmt das Naturkundemuseum Potsdam entgegen, wo die durch eine klimatische Erwärmung begünstigte Ausbreitung der Gottesanbeterin wissenschaftlich untersucht wird. Unsere große Bitte an alle VDA-Mitglieder in den Bundesländern Berlin und Brandenburg: Wer in seinem Garten oder bei einem Spaziergang in der Natur einer Gottesanbeterin begegnet, wird gebeten, das Tier zu fotografieren, das Datum zu notieren und die Koordinaten der Fundstelle mit GoogleMaps zu ermitteln. Der Fund wird dann punktgenau in eine Karte eingetragen, und jedes Jahr wird eine neue Karte veröffentlicht. Das Belegfoto ermöglicht, das Geschlecht des Tieres zu bestimmen oder zu überprüfen, ob es sich um eine Larve oder möglicherweise um eine Verwechslung mit einer Laubheuschrecke (Heupferd) handelt. Ihr helft mit Eurer Meldung der Wissenschaft, herzlichen Dank im voraus! Hier könnt Ihr Eure Funde einfach und schnell melden.

Text und Fotos: Manfred Klaus Berg

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