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Großes Medienecho auf neue Meerwasseraquaristik-Studie

Lesezeit: 4 Minuten

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Korallenriffaquarium
Korallenriffaquarium

Am vergangenen Wochenende wurde in der US-Fachzeitschrift Science Advances eine neue Studie zum Thema Meerwasser-Aquaristik veröffentlicht. Der Artikel mit dem Namen Can the global marine aquarium trade (MAT) be a model for sustainable coral reef fisheries? (Kann der globale Meerwasseraquarienhandel ein Modell für eine nachhaltige Korallenrifffischerei sein?) kann hier eingesehen werden. Auch in Deutschland fand die Studie Beachtung. BILD titelte reißerisch: „110 Millionen Meerestiere jährlich für Aquarien gefangen – Die Hälfte stirbt auf dem Lieferweg“. Auch GEO wählte dramatische Worte: „110 Millionen Meerestiere werden jährlich für Aquarien gefangen – die Hälfte stirbt schon auf dem Lieferweg.“ Bei n-tv laß man: „Für heimische Aquarien sterben Millionen Fische“.

Viel Platz für Pro Wildlife

Nimmt man diese drei unerfreulichen Texte näher unter die Lupe, so wird schnell ersichtlich, dass sie inhaltlich sehr ähnlich sind. Im Text von GEO und n-tv ist Annett Stein von der dpa als Verfasserin angegeben, bei BILD stammt der Text von Darline Bussäus. Aufhänger ist immer die aktuelle Studie, dazu ausführlich äußern darf sich bei BILD, GEO und n-tv nur eine Person: Sandra Altherr von Pro Wildlife. In allen drei Medien wird der Meinung von Altherr auffällig viel Raum gegeben, u. a. wird sie mit dem Satz zitiert: „Die Verluste sind sicher umso höher, je geringer der kommerzielle Wert der Fische ist.“ Bei GEO und n-tv sagt Altherr ergänzend: „Mit großen Raritäten geht man achtsamer um als mit kleineren günstigeren Arten, wo der Beschaffungswert niedrig ist und die Natur günstig Nachschub liefert. (…) Insgesamt kann das bis zum Endkunden schon über Wochen gehen – und jede Handelsetappe hat ihre Verlustraten.“

Pro Wildlife 2007 in der Kritik

Dr. Sandra Altherr ist Diplom-Biologin und Mitgründerin von Pro Wildlife. Im Jahr 2007 wurde dem Verein unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) vorgeworfen, vor dem Hintergrund des geplanten Verbots der Haltung als gefährlich eingeschätzter Tierarten im Bundesland Hessen eine übertriebene Zahl von jährlich 700 Vergiftungen durch exotische Tiere in Deutschland, davon 60 % durch Schlangenbisse, veröffentlicht zu haben. Tatsächlich würden jährlich maximal 75 Schlangenbisse gemeldet. Der entsprechende Artikel in der taz wurde von Heiko Werning geschrieben und endet mit den Worten: „Und wirft ein interessantes Licht darauf, was von der Seriosität des merkwürdigen Clubs „Pro Wildlife“, der in der Presse so bereitwillig ungeprüft zitiert wird, zu halten ist. Nächstes Mal vielleicht zur Abwechslung Fachleute befragen.“

Was hat sich seither geändert?

Heute, 16 Jahre später, hat sich scheinbar wenig an der Vorgehensweise geändert, in der Presse Organisationen wie Pro Wildlife ungeprüft zu zitieren und auf die Meinung von Fachleuten zu pfeifen. Am Ende aller drei Artikel kommt Altherr abermals zu Wort und appelliert: „Wir empfehlen definitiv den Verzicht auf Meerwasseraquarien, sowohl aus Tierschutz- als auch Artenschutzgründen. (…) Die komplexe Schönheit eines Korallenriffs kann man eh im Wohnzimmer nicht nachstellen.“ Bei GEO und n-tv führt die Pro-Wildlife-Mitgründerin außerdem noch ihre Theorie aus, nach der für die Menschen, welche die Tiere in den entsprechenden Lebensräumen fangen, der Handel mit den Lebewesen lediglich ein „mühsamer Nebenerwerb“ sei. Eine Studie der OATA beweist genau das Gegenteil und zeigt zahlreiche positive Aspekte auf, die durch den Wildfang von Zierfischen und Wirbellosen entstehen. Als Grundlage hat die University of Kent Durrell am Institut für Naturschutz und Ökologie vorhandene wissenschaftliche Literatur untersucht, auf Basis der Grundlagenrecherche schrieb die OATA die umfangreiche Studie über den globalen Handel mit wild gefangenen Fischen, hier kann man die Studie nachlesen. Auf der Website von JBL findet sich ein spannender, im Mai 2022 veröffentlichter, Text zum Thema Aquaristik und Naturschutz. Hier wird u. a. Dr. Stefan Hetz, Dozent an der Uni Berlin, erwähnt, der nachgewiesen hat, dass die genannte 70 % Verlustrate bei Importen frei erfunden ist (Brief an Dr. Gebhart MdB, 16.01.14). Im Text von Heiko Blessin (Diplom-Biologe) heißt es: „Infolge dieser Tatsache müssen die Daten in der zitierten Arbeit und somit bei pro Wildlife als erfunden eingestuft werden. Die wirklichen und nachprüfbaren Verlustraten beim Fischimport (sowohl beim Süß- als auch beim Meerwasser) liegen bei 1-3 %. Wer eine wissenschaftliche Studie zu diesem Thema lesen möchte, sei die Masterarbeit von Matthias Homuth von 2010 an der Humboldt-Universität von Berlin empfohlen.“

Fazit

Berichte wie dieser auf vielbesuchten Online-Plattformen werfen leider ein negatives Licht auf unser schönes Hobby. Es ist schade, dass man einem so großen, oft kaum mit der Materie vertrautem, Publikum lediglich die Meinung einer einzigen Position zur Studie präsentiert und Fachleute nicht mit ins Boot holt. Ein komplexes und vielschichtiges Thema wie die Meerwasseraquaristik verdient eine Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Textautor:
Nicolas von Lettow-Vorbeck M.A. 
VDA-Referatsleiter Medien
Pressekontakt:
Telefon: +49 157 88691949 
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