VDA-Standpunkt 3-2014: Zur Verwendung von Knabberfischen oder Kangalfischen in Kurbädern und Wellnesscentern

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Die zu den Karpfenfischen gehörenden „Knabberfische“ oder „Kangalfische“ der Art Garra rufa (Rötliche Saugbarbe) leben unter anderem in der Türkei in Gewässern, die von der Bevölkerung und Touristen als Badegelegenheit genutzt werden (Jarvis 2011). Diese Fische neigen vor allem als Jungfische dazu, während der Futtersuche in Gruppen dauernd geeignete Gegenstände mit dem Maul abzusuchen, wozu auch in einigen Gewässern die Haut der Badegäste gehört (Sayili et al 2006). An einigen Badestellen mit besonderen physikalisch-chemischen Gegebenheiten, die für die Behandlung von Schuppenflechte (Psoriasis) ausgewiesen waren, berichteten Patienten anekdotisch von einer Linderung oder Heilung dieser Krankheit nach dem Beknabbern der Haut und der damit verbundenen Entfernung der Hautschuppen (Grassberger und Hoch 2006). Auch Wirkstoffe im Mundschleim der Fische wurden diskutiert. Die daraufhin angestellten wissenschaftlichen Studien konnten allerdings keinen eindeutigen Effekt nachweisen.

    Trotzdem gerieten die Fische vor ein paar Jahren in die Schlagzeilen der Medien, als diese als Nachzucht angebotenen Fische zu hohen Preisen als neues Mittel gegen Schuppenflechte angeboten wurden. Mit der weiteren Verbreitung der leicht zu züchtenden und entsprechend preisgünstig verkauften Tiere kam eine weitere Verwendung als Besonderheiten in Kurbädern und Wellnesscentern in die Schlagzeilen, da die Fische dort für Besucher, die ihre Beine im Wasser eines Aquariums mit Garra rufa baden, für den besonderen „Kitzel“ sorgen.

    Diese Behandlung ist nicht unumstritten, da zum einen hygienische Voraussetzungen in den Aquarien gegeben sein müssen, die, besonders nach dem Einsatz von Desinfektionsmitteln, nicht immer mit dem Wohlbefinden der Fische im Einklang steht (Sirri et al. 2013), zum anderen die Fische nur in einer bestimmten Lebensphase (als Jungfische zwischen 3 und 7 cm Länge) und in bestimmter Kondition (hungrig) besonders gut für die Funktion als „Knabberfische“ geeignet sind (Yalcin-Ozdilek und Ekmekci 2006).

    Aus Gründen des Tierschutzes besteht nach Meinung des VDA grundsätzlich kein „vernünftiger Grund“, die Fische zum „Beknabbern“ menschlicher Extremitäten zu verwenden, da aus dem Verhalten der Tiere kein nachweisbarer Nutzen für den Menschen abzuleiten ist. Ausnahmen können nach unserer Meinung möglich sein, wenn Patienten mit Hautkrankheiten auch ohne einen wissenschaftlich geführten Nachweis (Placebo-Effekt) Linderung ihrer Krankheit erfahren. Darüberhinaus stellt nach Sicht des VDA die Manipulation der Tiere durch Wasserwechsel, Herausfangen und Umsetzen einen möglichen Stressfaktor, sicher jedoch - im Zusammenhang mit der Haltung in kahlen Glasaquarien ohne Einrichtung - eine Beeinträchtigung des natürlichen Verhaltens dar bei dem die Tiere dauernd Einrichtungsgegenstände beknabbern.

    Selbst wenn die oben angeführten Haltungsansprüche erfüllt werden, bleibt doch ein gewisser Vorbehalt. Aus tierethischer Sicht sollte man mit den uns im Aquarium anvertrauten Fischen auch nicht alles machen, was durch den Gesetzgeber und das Tierschutzgesetz erlaubt ist. Durch die „Verwendung“ der Tiere zur Belustigung werden diese zu einem bloßen Mittel reduziert, welches zudem nur auf einen bestimmten Lebensabschnitt der Tiere beschränkt ist. Ungeklärt ist zum Beispiel auch der weitere Verbleib der erwachsenen Tiere. Als verantwortungsvolle Tierhalter und Züchter müssen wir uns auch über den Verbleib der erwachsenen Tiere, deren Raumbedarf und die möglichen anderen Verhaltensweisen der erwachsenen Tiere, die zum Beispiel anders strukturierte und größere Aquarien benötigen, berücksichtigen. Aus diesen Gründen distanziert sich der VDA von einer Verwendung von Garra rufa als „Knabberfische“ in Kurbädern und Wellnesscentern.

    Referat NAT, Werner Witopil, Dr. Stefan K. Hetz


    Literatur:

    Grassberger, M. und Hoch, W. (2006). Ichthyotherapy as alternative treatment for patients with psoriasis: A pilot study. Evidence-based Complementary and Alternative Medicine 3, 483-488.

    Jarvis, P. L. (2011). Biological Synopsis of Garra rufa. Canadian Manuscript Report of Fisheries and Aquatic Sciences 15, 1-14.

    Sayili, M., Akca, H., Duman, T.und Esengun, K. (2007). Psoriasis treatment via doctor fishes as part of health tourism: A case study of Kangal Fish Spring, Turkey. Tourism Management 28, 625-629.

    Sirri, R., Zaccaroni, A., Di Biase, A., Mordenti, O., Stancampiano, L., Sarli, G. und Mandrioli, L. (2013). Effects of two water disinfectants (chloramine T and peracetic acid) on the epidermis and gills of Garra rufa used in human ichthyotherapy. Polish Journal of Veterinary Sciences 16 (3): 453-461.

    Yalcin-Ozdilek, S. und Ekmekci, F. G. (2006). Preliminary data on the diet of Garra rufa (Cyprinidae) in the Asi basin (Orontes), Turkey. Cybium 30, 177-186.

    763 mal gelesen